Musik
Singen, summen, klatschen: Musik zum Mitmachen im Alter

Beim Geburtstagsständchen singen alle mit, auch die, die sonst sagen, sie könnten nicht singen. Dieser Beitrag ist für ältere Menschen, ihre Angehörigen und alle, die in einem Heim oder Treff Musik anbieten möchten. Wer ihn liest, weiß danach, was Studien über Singen und Musik im Alter sagen, wo die Belege dünn sind und wie ein erster Versuch mit einer einzigen Liedzeile aussieht.
„Ich kann nicht singen" hört man oft, wenn es um Musik geht, und wer das von sich sagt, ist damit nicht allein. Gemeint ist meistens: nicht schön genug für andere Ohren. Darum geht es hier nicht. Es geht um Summen, Klatschen, ein paar Takte auf dem Schellenkranz und die Lieder, die man seit der Jugend im Kopf hat.
Sicherheit zuerst
Wer eine Lungen- oder Herzerkrankung hat oder gerade mit Atemnot erkältet ist, klärt vorher mit der Hausärztin oder dem Hausarzt, welche Belastung passt.Mehr dazu
- Beim Singen nie in die Atemnot hinein üben. Aufrecht sitzen, zwischen den Liedern Pausen machen, ein Glas Wasser bereitstellen.
- Für Menschen mit der Lungenkrankheit COPD berichtet die Cochrane-Auswertung keine Nebenwirkungen des Singens[3]. Singen ersetzt trotzdem keinen Arztbesuch und keine verordnete Atemübung.
- Nicht zu laut: Zimmerlautstärke reicht, auch beim Schellenkranz. Wer ein Hörgerät trägt, behält es an.
- Bei schmerzenden Fingern oder Handgelenken sanft klatschen oder mit der Hand auf den Oberschenkel tippen.
- Manche Lieder wecken traurige Erinnerungen. Dann leiser werden oder aufhören, zuhören und den Menschen damit nicht allein lassen.
Was die Studien zeigen
Ein Forschungsteam aus Italien hat 2023 Studien zur Beschäftigung mit Kunst bei gesunden älteren Menschen zusammengetragen[1]. Gemeint ist beides: selbst singen, malen oder spielen, und Musik hören, ins Konzert oder ins Museum gehen[1]. Eingeflossen sind zehn Studien mit zusammen 7.874 Teilnehmenden[1]. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass solche Beschäftigung geistigem Abbau entgegenwirken und Wohlbefinden und Lebensqualität verbessern kann[1]. Sie halten aber auch fest, dass es nur wenige Belege für eine schützende Wirkung über lange Zeit gibt[1].
Eine zweite Auswertung, 2024 in der Fachzeitschrift Perspectives in Public Health erschienen, hat 93 Studien zu Kunst und Kreativität im Alter gesichtet[2]. Am häufigsten untersucht war das Tanzen, danach kamen Musik und Singen[2]. Über die Musik schreiben die Forschenden, dass regelmäßiges Musizieren und Singen mit besserer geistiger Leistung, besserer Lebensqualität, besserer Stimmung und mehr Wohlbefinden verbunden war[2]. Sie nennen das selbst vielversprechende Hinweise, nicht Beweise[2]. Das ist eine ehrliche Wortwahl, und ich übernehme sie so.
Und was ist mit dem Atmen?
Oft heißt es, Singen sei gut für die Lunge. Die Cochrane-Gruppe, ein unabhängiges Netz von Forschenden, das Studien kritisch auswertet, hat das bei Menschen mit COPD geprüft, einer dauerhaften Lungenerkrankung. Gefunden wurden nur drei Studien mit zusammen 112 Teilnehmenden[3]. Gesungen wurde in Gruppen, ein- bis zweimal in der Woche eine Stunde lang, mindestens sechs Wochen[3]. Manche Studien fanden eine bessere Lebensqualität, andere nicht[3]. Die Atemnot wurde nur in einer Studie gemessen, und dort besserte sie sich nicht[3].
Für gesunde ältere Menschen sagt diese Auswertung nichts. Wer also hört, Singen kräftige die Lunge, darf freundlich nachfragen, woher das kommt. Was die Studien hergeben: Singen scheint bei COPD sicher zu sein[3].
Musik ohne Noten und ohne Instrument
Ich spiele selbst kein Instrument, und das muss auch niemand. Musik zum Mitmachen braucht nur, was jeder hat: eine Stimme zum Summen, Hände zum Klatschen, Füße zum Mitwippen. Dazu kommen einfache Rhythmusinstrumente wie Schellenkranz, Klangstäbe oder eine Rassel, die man nicht üben muss. Wer den Text nicht mehr weiß, hält den Takt. Wer den Takt nicht findet, summt die Melodie. Und wer beides nicht mag, hört zu und wippt mit dem Fuß, auch das ist Mitmachen.
Wie tief Musik im Menschen sitzt, zeigt sich bei Demenz. Die Cochrane-Gruppe schreibt, dass Menschen mit Demenz manchmal noch summen oder bei Musik mitmachen können, auch wenn sie nicht mehr sprechen[4]. Das heißt nicht, dass Musik Demenz aufhält. Es heißt, dass ein Lied manchmal noch eine Tür öffnet, wenn sonst wenig geht.
Am besten tragen die Lieder aus der Jugend. Bei ihnen kommt der Text manchmal wie von selbst, und danach erzählt jemand, wo er das Lied zuerst gehört hat. Und wer beim Singen die Füße nicht mehr stillhalten kann, findet Anregungen im Beitrag Tanzen im Alter.
Warum die Gruppe mehr ist als die Summe
Die italienischen Forschenden vermuten, dass die gute Wirkung aus mehreren Dingen zugleich kommt[1]. Dazu zählen sie die Begegnung mit Kultur und die Gruppe selbst[1]. Wer schon einmal in einem Raum mit anderen ein bekanntes Lied gesungen hat, kennt das Gefühl. Man hört die eigene Stimme kaum, und gerade deshalb traut man sich.
In der Gruppe ist niemand der Schlechteste. Einer kennt den Text, eine andere den Takt, ein Dritter klatscht nur mit. Alles davon zählt.
Eine Übung zum Ausprobieren: eine Zeile auf einem Atemzug
Diese kleine Übung verbindet Atmen und Singen und lässt sich im Sitzen machen.
- Aufrecht auf einen Stuhl setzen, beide Füße auf dem Boden, die Schultern locker.
- Ein bekanntes Lied wählen, das man seit Jahren kennt, und die erste Zeile leise anstimmen.
- Vorher ruhig durch die Nase einatmen und die Zeile dann auf einem einzigen Atemzug singen oder summen.
- Kurz Pause machen und das Ganze dreimal wiederholen.
Wird die Luft knapp, die Zeile teilen und in der Mitte atmen. Wer lieber summt als singt, summt. Wird es schwindelig, aufhören und normal weiteratmen.
Das ist eine Kostprobe, keine Singstunde. Welche Lieder zu welchem Jahrgang passen und wie eine Singrunde aufgebaut ist, bringe ich in die Stunde mit. Wo es in Erfurt Chöre und Singkreise gibt, steht in meinen Ratgebern.
Für Angehörige
Mitsingen wirkt mehr als Zuhören. Wer beim Besuch ein Lied anstimmt, das die Mutter oder der Vater früher gern gesungen hat, bekommt oft eine Antwort in Melodie statt in Worten. Korrigieren ist dabei fehl am Platz, ein falscher Ton ist kein Fehler. Und wenn ein Lied traurig macht, darf man innehalten und zuhören.
Häufige Fragen
Muss man Noten lesen können? Nein. Gesungen wird nach Gehör, aus dem Gedächtnis oder nach einem Liedzettel mit großem Text.
Geht das auch im Rollstuhl oder im Bett? Ja. Singen, Summen und Klatschen brauchen keinen Stand, ein Schellenkranz lässt sich auch im Liegen schütteln.
Hilft Singen gegen Vergesslichkeit? Dafür gibt es vielversprechende Hinweise, aber keinen Beweis[2]. Wer Vergesslichkeit an sich bemerkt, spricht zuerst mit der Hausärztin oder dem Hausarzt.
Wie ich dabei helfe
Ich bringe Liederhefte mit großem Text, einen kleinen Lautsprecher, Schellenkränze und Klangstäbe mit. Wir singen, summen und klatschen die Lieder, die die Menschen selbst kennen, und ich frage nach den Geschichten dahinter.
Für Heime, Tagespflegen und Treffs gibt es Gruppenstunden mit einem kostenlosen Probelauf (Für Heime und Träger).
Hier sind die Quellen, für Ihre eigene Meinung
Quellen4
- The role of arts engagement in reducing cognitive decline and improving quality of life in healthy older people: a systematic review. Fioranelli M, Roccia MG, Garo ML, Frontiers in Psychology, 2023. frontiersin.org
- Examining arts and creativity in later life and its impact on older people's health and wellbeing: a systematic review of the evidence. McQuade L, O'Sullivan R, Perspectives in Public Health, 2024. doi.org (die Verlagsseite war am 18.10.2026 gesperrt; gelesen wurde die Zusammenfassung über Europe PMC: europepmc.org)
- Singing for adults with chronic obstructive pulmonary disease (COPD). Cochrane, 2017. cochrane.org
- Does music-based therapy help people with dementia? Cochrane, Fassung 2025. cochrane.org