Für Angehörige
Warum zu viel Schonung schadet: Fordern statt verhätscheln

Wenn Angehörige alles abnehmen, wird der Alltag bequem, und die Kraft wird kleiner. Viele Söhne und Töchter fragen sich irgendwann, ob sie zu viel helfen. Die Frage ist berechtigt, und sie hat eine gute Antwort: Helfen ja, aber so, dass der andere es selbst tun kann. Hier steht, was zu viel Schonung im Körper anrichtet, wann Schonung trotzdem richtig ist und wie Fordern gelingt, ohne zu überfordern. Wer zuerst wissen möchte, woran man Einsamkeit erkennt und was dagegen hilft, findet den Anfang im Beitrag Meine Mutter ist einsam: Was kann ich tun?. Dieser Beitrag vertieft eine Frage daraus.
Sicherheit zuerst
Fordern heißt nicht überfordern, und bei Fieber, einem frischen Bruch, starken Schmerzen oder während einer Krebsbehandlung gelten Schonung und ärztliche Begleitung.Mehr dazu
- Bei Schwindel, Herzrasen oder einem Blutdruckabfall hört jede Übung sofort auf.
- Bei Brustschmerz, Luftnot, plötzlicher Schwäche einer Körperseite, Sprachstörung oder plötzlicher Verwirrtheit sofort die 112 rufen.
- Bei einer Demenz braucht das Fordern klare Anleitung und viel Zeit, sonst entsteht Angst.
- Wer abnimmt, schwächer wird oder weniger isst, geht zuerst zur Hausärztin oder zum Hausarzt, bevor wieder mehr gefordert wird.
Was die Forschung zeigt
Lange Bettruhe wird heute nicht mehr empfohlen. In einer kanadischen Studie lagen 23 gesunde Menschen zwischen 55 und 65 Jahren vierzehn Tage im Bett. Danach hatten sie Muskelmasse, Kraft und Ausdauer verloren; ein Trainingsprogramm im Bett bremste diesen Verlust[1]. Die Studie war klein, und die Teilnehmenden blieben eigens für die Forschung liegen, nicht wegen einer Krankheit.
Ein zweiter Befund betrifft die Art zu helfen. In einer Studie mit 72 Heimbewohnern, im Schnitt 78 Jahre alt, übten drei Gruppen ein einfaches Puzzle. Die eine Gruppe bekam bei jedem Schritt Hilfe, die zweite wurde nur ermutigt, es selbst zu versuchen, die dritte übte gar nicht. Wer ermutigt wurde, wurde besser. Wer sofort Hilfe bekam, wurde schlechter, sogar schlechter als die Gruppe ohne Übung, und traute sich weniger zu[2]. Die Studie war klein, sie stammt aus einem einzigen Heim, und die Betreuer wussten, wer zu welcher Gruppe gehörte; das kann das Ergebnis beeinflussen.
Weitere Beobachtungen zeigen in dieselbe Richtung. Heimbewohner beschreiben selbst, wo sie entscheiden und wo sie sich abhängig fühlen[3]. In niederländischen Heimen wurde beobachtet, dass Bewohner selten selbst wählen dürfen, besonders Menschen mit Demenz[4]. Das sind Beobachtungen, kein Beweis für eine Wirkung.
Untersucht wurde auch das Gegenteil, also was geschieht, wenn man Menschen etwas zutraut. Wer selbstständig übt und dabei begleitet wird, hält ein Programm besser durch[5]. Wer seine Zuversicht gezielt stärkt, wird körperlich aktiver[6]. Diese Studien waren klein und kurz, oft mit jüngeren Teilnehmenden. Auswertungen zum Festhalten und Einschränken von Heimbewohnern zeigen außerdem, wie heikel solche Maßnahmen sind[7].
Was Schonung im Körper anrichtet
Wer liegen bleibt, verliert Kraft, Ausdauer und Sicherheit beim Gehen. Muskeln bleiben nur erhalten, wenn sie gebraucht werden, und ohne Belastung schwinden sie schneller, als viele denken. Nach Erfahrungen aus der Pflege können schon wenige Tage im Bett Thrombosen und Lungenentzündungen begünstigen. Wer nicht mehr geht, verliert auch das Gleichgewicht, und dann wird jeder Weg zur Tür zur Aufgabe.
Was im Kopf passiert
Schonung wirkt auch auf das Selbstvertrauen. Wer immer bedient wird, traut sich weniger zu. Wer etwas selbst schafft, merkt, dass es geht, und diese Zuversicht lässt sich stärken[6]. Aus Fürsorge wird leicht Bevormundung. Der Unterschied liegt oft in einem Satz: „Soll ich das übernehmen?“ oder „Probieren Sie es, ich bleibe daneben.“
Hilfe oder Bevormundung
Es gibt zwei Arten zu helfen. Die eine unterstützt und lässt die Entscheidung beim Menschen. Die andere nimmt die Aufgabe ganz weg. Beim Essen heißt das: anrichten statt füttern. Beim Anziehen: Zeit lassen statt übernehmen. Beim Gehen: den Arm reichen statt den Rollstuhl schieben.
Für Angehörige
Aufgaben verteilen statt abnehmen. Warten, auch wenn es länger dauert, und kleine Fehler zulassen. Wer jeden Handgriff sofort erledigt, nimmt dem anderen die Übung. Auch gut gemeinte Hilfe kann zu viel sein, und viele merken das erst, wenn der andere kaum noch etwas selbst tut. Unter Geschwistern lohnt ein offenes Gespräch darüber, wer welche Aufgabe übernimmt, damit niemand zu viel tut. Und ein ehrlicher Blick auf sich selbst hilft: Macht die Mutter oder der Vater kaum noch etwas allein, wurde zu viel abgenommen.
Für den älteren Menschen selbst
Unnötige Hilfe darf man ablehnen. Eigene Aufgaben gehören in eigene Hände, und wer das Tempo selbst bestimmt, bleibt länger selbstständig. Ein freundlicher Satz hilft: „Das mache ich noch allein.“ Angehörige verstehen das besser, als viele denken.
Allein, zu zweit, im Heim
Wer allein lebt, muss sich manchmal selbst fordern. Kleine feste Aufgaben im Tag helfen dabei. Bei Paaren droht eine Schieflage: Einer umsorgt den anderen zu sehr. Hier hilft eine klare Absprache, wer was noch selbst macht. Im Heim lohnt es sich, mit dem Pflegepersonal über Aufgaben zu sprechen, die der Bewohner behalten darf.
Wann Schonung richtig bleibt
Fordern hilft nur, wenn die Lage stabil ist. Schonung bleibt richtig bei akuter Krankheit, bei Schmerzen, in der Trauer, bei einer frischen Verletzung und während einer Krebsbehandlung. Bei einer Demenz braucht das Fordern klare Anleitung und Zeit. Wer nicht sagen kann, was ihm wehtut, wird nicht gedrängt.
So gehen Sie vor
- Vorher nach Schmerzen und Erschöpfung fragen.
- Eine Aufgabe wählen, die der ältere Mensch selbst schafft, und dafür Zeit lassen.
- In der Nähe bleiben und nur eingreifen, wenn es gefährlich wird.
Wie das Fordern über Wochen wachsen kann, gebe ich in meinen Ratgebern und in der Begleitung weiter.
Checkliste
- Eigene feste Aufgaben für jeden Tag
- Genug Zeit, um sie selbst zu machen
- Keine Übernahme aus Ungeduld
- Absprache mit Pflegedienst und Hausarzt
- Stopp bei Schwindel, Atemnot oder Schmerz
Häufige Fragen
Meine Mutter sitzt nur noch, weil wir ihr alles abnehmen. Wie kommen wir da heraus?
Mit einer Aufgabe beginnen, die sie früher gern gemacht hat. Zeit geben, daneben bleiben, langsam steigern. So merkt sie wieder, dass etwas geht.
Wann ist Schonung richtig, und wann schadet sie?
Bei akuter Krankheit, Fieber, einem frischen Bruch und starken Schmerzen ist Schonung richtig. Ist die Lage stabil, schadet zu viel Liegen. Im Zweifel fragt man die Hausärztin oder den Hausarzt.
Wie viel darf man zumuten, ohne zu überfordern?
So viel, dass die Aufgabe länger dauert, aber ohne Atemnot gelingt. Überforderung zeigt sich als Schwindel, Atemnot oder Erschöpfung. Dann wird die Aufgabe kleiner.
Warum wird mein Mann im Heim immer hilfloser, obwohl er gut versorgt wird?
Gute Versorgung kann zu viel Fürsorge sein. Wird jede Handlung abgenommen, schwindet die Selbstständigkeit. Ein Gespräch mit dem Pflegepersonal über eigene Aufgaben hilft.
Hilft es, Aufgaben absichtlich liegen zu lassen?
Nicht liegen lassen, aber Zeit lassen. Wer sofort übernimmt, nimmt dem anderen die Übung. Eine kurze Pause vor der Hilfe reicht oft schon.
Wie ich dabei unterstütze
Bei mir heißt Begleitung: mitmachen, nicht übernehmen. Ich bleibe daneben, wenn jemand etwas selbst versucht, und warte, auch wenn es dauert. Wenn ein Weg allein noch nicht sicher ist, gehe ich mit. Beim Anziehen lasse ich Zeit und reiche nur, was gebraucht wird, und an die Mahlzeiten erinnere ich, wenn das hilft. Den Angehörigen erzähle ich, was wieder selbst geht.
Hier sind die Quellen, für Ihre eigene Meinung
Quellen7
- Hajj-Boutros G, Sonjak V, Faust A, Hedge E, Mastrandrea C, Lagacé JC, et al. (2023). Impact of 14 Days of Bed Rest in Older Adults and an Exercise Countermeasure on Body Composition, Muscle Strength, and Cardiovascular Function. Gerontology, 69(11):1284-1294. DOI: 10.1159/000534063
- Avorn J, Langer E (1982). Induced disability in nursing home patients: a controlled trial. Journal of the American Geriatrics Society, 30(6):397-400. DOI: 10.1111/j.1532-5415.1982.tb02839.x
- Stabell A, Eide H, Solheim GA, Solberg KN, Rustøen T (2004). Nursing home residents' dependence and independence. Journal of Clinical Nursing, 13(6):677-686. DOI: 10.1111/j.1365-2702.2004.00942.x
- Hoek LJM, Verbeek H, de Vries E, van Haastregt JCM, Backhaus R, Hamers JPH (2020). Autonomy Support of Nursing Home Residents With Dementia in Staff-Resident Interactions. Journal of the American Medical Directors Association, 21(11):1600-1608. DOI: 10.1016/j.jamda.2020.04.013
- Nelligan RK, Hinman RS, Kasza J, Crofts SJC, Bennell KL (2021). Effects of a Self-directed Web-Based Strengthening Exercise and Physical Activity Program Supported by Automated Text Messages for People With Knee Osteoarthritis. JAMA Internal Medicine, 181(6):776-785. DOI: 10.1001/jamainternmed.2021.0991
- Allison MJ, Keller C (2004). Self-efficacy intervention effect on physical activity in older adults. Western Journal of Nursing Research, 26(1):31-46. DOI: 10.1177/0193945903259350
- Hofmann H, Hahn S (2014). Characteristics of nursing home residents and physical restraint: a systematic literature review. Journal of Clinical Nursing, 23(21-22):3012-3024. DOI: 10.1111/jocn.12384

