Gespräch
Pläne statt „früher“: Warum Ziele im Alter so wichtig sind

Viele Gespräche mit älteren Menschen fangen mit „früher“ an. Früher war mehr los, früher ging alles leichter. Das ist verständlich, und Erinnerungen sind wertvoll. Aber wer nur zurückschaut, plant nichts mehr für die nächste Woche. Hier steht, was ein eigenes Ziel mit der Gesundheit zu tun hat und wie Pläne auch im hohen Alter gelingen, klein, nah und freiwillig. Wer sich zuerst fragt, ob hinter dem ständigen „früher“ Einsamkeit steckt, findet den Anfang im Beitrag Meine Mutter ist einsam: Was kann ich tun?, dieser Beitrag vertieft eine Antwort daraus.
Sicherheit zuerst
Pläne sind keine Pflicht: Bei Trauer, Depression, beginnender Demenz oder starker Erschöpfung braucht es kein Programm, sondern Zuhören und einen nächsten kleinen Schritt.Mehr dazu
- Wer Pläne als Pflicht hinstellt, gibt Menschen, die nicht mehr können, das Gefühl zu versagen.
- Bei anhaltender Freudlosigkeit, Rückzug, Appetitverlust oder Schlafstörungen ist die Hausärztin oder der Hausarzt der erste Weg.
- Spricht jemand davon, nicht mehr leben zu wollen, das ernst nehmen und noch am selben Tag Hilfe holen. Erreichbar sind die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (rund um die Uhr, kostenlos), der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117, bei akuter Gefahr die 112.
- Nichts an diesem Thema heißt, man müsse immer positiv sein.
Was die Forschung zeigt
In einer großen Langzeitbefragung in den USA lebten Menschen mit einem ausgeprägten Lebensziel länger, und das in jedem Erwachsenenalter[1]. Bei knapp siebentausend Menschen über fünfzig war ein stärkeres Gefühl, ein Lebensziel zu haben, mit einem geringeren Sterberisiko verbunden, am deutlichsten bei Herz und Kreislauf[2]. Auch bei sehr alten Menschen in Chicago lebten diejenigen mit einem Lebensziel länger[3].
Andere Studien bestätigen die Richtung. Wer sein Leben als sinnvoll erlebte, lebte länger, auch wenn man herausrechnete, ob jemand in die Kirche ging oder Hilfe von anderen bekam[4]. Wer ein Lebensziel hatte, schnitt später in vielen Bereichen der Gesundheit besser ab, von Bewegung bis Schlaf[5]. All das sind Beobachtungen, die Menschen haben selbst Auskunft gegeben. Sie zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen.
Wichtig ist eine zweite Beobachtung: Ziele verschieben sich im Alter. Sie richten sich mehr darauf, das Vorhandene zu erhalten und Verluste zu vermeiden, und diese Verschiebung hilft, sich an das Alter anzupassen[6]. In einer Befragung in sechs englischsprachigen Ländern nannten über sechzig Prozent der Menschen über fünfundsechzig eigene Ziele, häufig Kontakte, Tätigkeiten und eine Haltung zum Leben[7]. Die Befragung lief allerdings im Internet und erreichte nur Menschen mit Internetzugang.
Was Pläne mit dem Körper machen
Ein Vorhaben gibt dem Tag eine Richtung. Wer etwas vorhat, steht eher auf, bewegt sich eher und isst eher regelmäßig. Der Blick nach vorn bringt in Bewegung, der Blick zurück lässt einen eher sitzen bleiben. Bewiesen ist das für den Einzelnen nicht, aber sich etwas vorzunehmen ist eine gute Gewohnheit.
Ziel oder Wunsch
Ein Wunsch ist groß und fern: „Ich möchte wieder reisen.“ Ein Ziel ist klein und nah: „Am Donnerstag gehe ich zum Bäcker.“ Kleine, nahe Ziele lassen sich erreichen, und jeder Erfolg macht den nächsten Schritt leichter. Für den Anfang reicht etwas, das in dieser Woche gelingt. Von einer Pflicht wie dem Haushalt unterscheidet sich ein Ziel dadurch, dass man es selbst wählt.
Warum „früher“ so stark zieht
Erinnerungen sind wertvoll, und ein Lied oder ein altes Foto weckt viel. Der Blick zurück ist ein guter Anfang für ein Gespräch. Schwierig wird er erst, wenn er der einzige Blick bleibt. Ein Gespräch kann vom Damals ins Jetzt führen: „Was war damals schön, und was davon könnte diese Woche wieder so werden?“ Aus solchen Antworten lässt sich oft ein kleines Vorhaben machen.
Für Angehörige
Fragen statt vorgeben, denn ein aufgezwungener Plan fühlt sich wie eine Aufgabe an. An Erinnerungen anknüpfen und daraus ein kleines Vorhaben machen. Über Pläne sprechen, ohne zu drängen: Ein gemeinsamer Ausflug ist ein Angebot, keine Verpflichtung. Auch im hohen Alter ist es nicht grausam, von Plänen zu reden, solange der Plan freiwillig bleibt.
Für den älteren Menschen selbst
Eigene Ziele behalten, auch kleine und nahe. Ein Plan muss niemandem sonst gefallen. Wer unabhängig bleiben will, wählt Vorhaben, die ohne Hilfe gelingen. Das stärkt die Selbstständigkeit und macht den Tag lebendiger.
Allein, zu zweit, im Heim
Wer allein lebt, dem hilft ein wöchentliches Vorhaben, für das man niemanden braucht, etwa ein fester Spaziergang an einem festen Tag. Bei Paaren haben gemeinsame und getrennte Pläne ihren Platz. Im Heim lohnt der Blick auf den Ausflugskalender, auch wenn nicht jedes Angebot passt.
Wenn ein Plan scheitert
Ein misslungener Plan ist kein Versagen. Manchmal ist die Kraft an diesem Tag kleiner, und dann wird der Plan kleiner, nicht der Mensch. Ein neuer Anlauf am nächsten Tag ist erlaubt. Kommt immer etwas dazwischen, wird der Plan kleiner und fester im Tag verankert. Zeichen für zu viel sind Gereiztheit und Rückzug. Dann wird weniger geplant.
Was ein Plan nicht ist
Ein Plan ist kein Mittel gegen das Altern. Er ordnet den Tag und gibt eine Richtung. Ein langes Leben allein durch die richtige Einstellung verspricht hier niemand. Ruhig geplant und ohne Zwang tut ein Plan am meisten.
So gehen Sie vor
- Gemeinsam ein Ziel suchen, das in dieser Woche erreichbar ist und zu dem älteren Menschen passt.
- Es klein und genau machen, mit Tag und Uhrzeit.
- Ist es zu groß, wird es kleiner, ohne Vorwurf.
Wie aus dem ersten Ziel Schritt für Schritt ein Weg über mehrere Wochen wird, zeige ich in meinen Ratgebern und in der Begleitung.
Checkliste
- Ein Ziel, das in dieser Woche gelingt
- Ein fester Tag und eine Uhrzeit
- Keine Pflicht, nur ein Angebot
- Ein neuer Anlauf nach einem Fehlversuch
Häufige Fragen
Meine Mutter sagt nur noch, früher sei alles besser gewesen. Wie bringe ich sie dazu, wieder etwas zu planen?
Das Damals aufgreifen und weiterfragen: Was war damals schön? Daraus lässt sich eine kleine Wiederholung bauen, und so wird aus dem Rückblick ein neuer Anlauf.
Welche Ziele sind im Alter überhaupt sinnvoll?
Jedes, das dem Menschen selbst wichtig ist und in der Nähe liegt. Häufig sind es Kontakte und kleine Tätigkeiten[7]. Ein Ziel muss niemandem sonst gefallen.
Wie plane ich, wenn die Kraft jede Woche anders ist?
Klein planen und eine leichtere Fassung bereithalten. An schwachen Tagen gilt die leichtere. Kein Plan darf zum Zwang werden.
Mein Vater gibt alles auf, seit er nicht mehr Auto fährt. Was hilft?
Einen Weg suchen, der auch ohne Auto geht, mit Fahrdienst, Bus oder Begleitung. Ein erster kleiner Ausflug zeigt, dass wieder etwas möglich ist. Wie so ein Ausflug gelingt, steht im Beitrag Ausflüge mit älteren Menschen.
Wie gehen wir damit um, wenn ein Plan nicht mehr gelingt?
Zulassen, verkleinern, neu ansetzen. Ein Fehlversuch sagt etwas über den Plan, nicht über den Menschen. Beim nächsten Mal wird der Plan kleiner.
Wie ich dabei unterstütze
Ich frage nach dem, was jemand noch vorhat, und nehme es ernst. Dann suchen wir zusammen ein Ziel für die Woche aus, und den ersten Schritt gehe ich mit. An den Termin erinnere ich, wenn das hilft. Den Angehörigen erzähle ich, was geplant ist, damit niemand drängt.
Hier sind die Quellen, für Ihre eigene Meinung
Quellen7
- Hill PL, Turiano NA (2014). Purpose in life as a predictor of mortality across adulthood. Psychological Science, 25(7):1482-1486. DOI: 10.1177/0956797614531799
- Alimujiang A, Wiensch A, Boss J, Fleischer NL, Mondul AM, McLean K, et al. (2019). Association Between Life Purpose and Mortality Among US Adults Older Than 50 Years. JAMA Network Open, 2(5):e194270. DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2019.4270
- Boyle PA, Barnes LL, Buchman AS, Bennett DA (2009). Purpose in life is associated with mortality among community-dwelling older persons. Psychosomatic Medicine, 71(5):574-579. DOI: 10.1097/PSY.0b013e3181a5a7c0
- Krause N (2009). Meaning in life and mortality. The Journals of Gerontology, Series B, 64(4):517-527. DOI: 10.1093/geronb/gbp047
- Kim ES, Chen Y, Nakamura JS, Ryff CD, VanderWeele TJ (2022). Sense of Purpose in Life and Subsequent Physical, Behavioral, and Psychosocial Health: An Outcome-Wide Approach. American Journal of Health Promotion, 36(1):137-147. DOI: 10.1177/08901171211038545
- Freund AM (2024). Goals in old age: What we want when we are old and why it matters. Current Opinion in Psychology. DOI: 10.1016/j.copsyc.2024.101803
- Burton E, Chonody J, Teater B, Alford S (2024). Goal setting in later life: an international comparison of older adults' defined goals. BMC Geriatrics, 24(1). DOI: 10.1186/s12877-024-05017-x

